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Presse
Göttingen live, 30. Oktober 2002
Vom Umgang mit der Natur
Die Tänzerin Alya Al-Kanani beschäftigt sich mit dem Stierkampf
„Antitaurinismo” nennt die Flamenco-Tänzerin Alya Al-Kanani ihr neues Projekt. Darin setzt sie sich mit dem Stier und dem Stierkampf auseinander. In acht Bildern erzählt sie den Leidensweg des einst verehrten Tieres zum Objekt einer lustvollen Abschlachtung. Am Montag, 4. November, gastiert Alya Al-Kanani mit dem Stück ab 20 Uhr in der Göttinger Musa. Tageblatt-Mitarbeiter Udo Hinz hat mit der Tänzerin gesprochen.
Tageblatt: Haben Sie selber einmal einen Stierkampf besucht?
Al-Kanani: Nein, dafür bin ich nicht reif genug. Ich würde mich wahnsinnig über die johlende Masse aufregen, die sich an der Demütigung des Tieres erfreut. Ich finde es schlimm genug, Stierkämpfer im Fernsehen zu sehen die gibt es ja Tag und Nacht auf dem Sportkanal in Spanien.
Was war für Sie der Auslöser, sich kritisch mit dem Stierkampf auseinander zu setzen?
Das fing schon früh an. Ich bin Vegetarier und habe von klein auf kein Fleisch gegessen. Als ich 14 war, stand ich mit meinen Eltern bei einem Frankreich-Urlaub vor der spanischen Grenze. Ich sagte: Wenn Ihr in das Land fahrt wo es Stierkämpfe gibt, bleibe ich hier stehen, und ihr könnt mich abholen.
Stellen Sie in „Antitaurinismo” die brutale Atmosphäre des Stierkampfes dar?
Ich wollte es brutaler machen. Aber mein Tanzpartner Zenon Ramos Reyes meinte, das leise Töne erdrückender sind. Er hat damit recht. Wir erzählen die Geschichte vom Aufgang und Untergang des Stieres, aber gleichzeitig auch der Natur. Im Prinzip ist das Thema aber auch ein Frau-Mann-Thema. Ich will nicht nur zeigen, das der Stierkampf schlecht ist, sondern auch der Umgang des Menschen mit der Natur und mit sich selbst.
Im Flamenco gibt es oft eine Verehrung des Stierkampfes. So stellt der berühmte Tänzer Antonio Canales in seinem Stück „Torero” einen Matador dar.
Ich habe Canales bei einer Aufführung von „Torero” in Köln kennen gelernt. Ich sagte ihm, dass mir sein Stück sehr gut gefällt, es für mich aber ein Stück gegen den Stierkampf sei, weil er einen heruntergekommenen, skrupellosen Torero spielt, der den Stier vergewaltigt. Canales meinte, dass ich nach zehn Jahren der erste Mensch sei, der seine Choreographie verstanden hat. Er selber findet Stierkampf gar nicht so toll.
Traditioneller Flamenco thematisiert meinst persönliches Leid. Sie bringen eine gesellschaftspolitische Dimension hinein. Vermissen Sie im Flamenco den politischen Bezug?
Mich schockt immer wieder, wenn Sängerinnen oder Tänzerinnen von Freiheit singen oder tanzen, aber privat so oberflächlich, so konservativ sind. Dann denke ich, dass sie vielleicht doch nicht wissen, was sie singen.
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